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Archive for September 2010

Ich habe vor Kurzem folgende Aussage zu lesen bekommen:

Soweit ich weiß, wurde Baucher ja hauptsächlich deshalb so kritisiert weil seine Pferde keine Gehlust mehr zeigten und sich sein Zirkussystem nicht aufs Alltagsreiten übersetzen ließ.

Da diese Aussage von einer ausgesprochen kompetenten und überdurchschnittlich gut gebildeten Reiterin stammte, dachte ich mir dass dieses Vorurteil ganz schon verbreitet sein muss. Deswegen habe ich mich nicht nur beeilt ihm auszuräumen, sondern dachte ich auch, etwas darüber  ins Netz zu stellen, denn vielleicht gibt es noch mehr Menschen, die das Interessiert.

Ist also Baucherismus alltags-tauglich?

Die Erste Manier

Nach meinem Wissen stimmt das mit der Gehlust insofern, als dass Bauchers Pferde  zur Zeit der Ersten Manier phasenweise tatsächlich wenig Gehlust zeigten. Was nicht verwunderlich ist, wenn man den massiven Handeinsatz aus dieser Zeit bedenkt. Viele heutigen Reiter, die mit ähnlich massiven Handeinsatz reiten, haben mit dem gleichen Problem zu kämpfen und sind sehr erstaunt, wenn ihr bis dato „faules“ Pferd innerhalb von einer halben Stunde plötzlich ganz verwandelt wird, nur weil Frauchen/Herrchen gelernt hat, in der Hand feiner zu werden.

Später (Zweite Manier) war es dem aber nicht mehr so, im Gegenteil, Baucher gelang es ausgesprochen gute und saubere Grundgangarten zu produzieren. Was ja bekanntlich ohne gute Gehlust nicht funktioniert.

Und trotzdem:  bereits zur Zeit der Ersten Manier haben Bauchers Experimente bei der Französischen Kavallerie gute Ergebnisse geliefert – zumindest im Vergleich mit dem, was die anderen Instruktoren vermochten.  Interessanterweise aber funktionierte das nur so lange, so lange Baucher oder sein Sohn Henri die Aufsicht über den Reitunterricht hatten. Ohne ihre Anwesenheit ging das nicht, was nicht schwer zu erklären ist: die Erste Manier war noch lange kein gutes System, aber  Baucher war schlichtweg ein Genie, der wahrscheinlich nach JEDEM System hätte Pferde gut ausbilden können.

Und die Zweite Manier?

Der Hauptgrund, warum sich auch die Zweite Manier nicht ohne weiteres auf den Alltag übertragen ließ lag – laut zeitgenössischem Bericht von l’Hotte – mehr an der Finesse, die nicht jedem Alltagsreiter zu eigen ist, als an dem System selbst. Was ich selber gerne bereit bin zu glauben, denn wie viele Leute kennt man schon, die außer Einerwechsel auf der Volte auch Galopp rückwärts beherrschen sowie nach Belieben zwischen einer schnellen und einer langsamen Piaffe wechseln können?

Dieser hohe Anspruch an den Reiter war übrigens auch (laut l’Hotte und anderen Zeitzeugen) der Hauptgrund, warum d’Aure das Rennen gemacht hat. D’Aure war der Hauptgegner Bauchers in Kampf um den großen Auftrag: ein neues Ausbildungskonzept für die Französische Kavallerie zu entwerfen – und hat gewonnen.

Auch wenn ich Baucher gerne die Ehre gönnen wurde und obwohl in der Entscheidungsfindung persönliche Abneigungen gegen ihm sicher eine Rolle spielten, war zu dieser Zeit d’Aure trotzdem wahrscheinlich die bessere Wahl: Obwohl D’Aure sein Können an der königlichen Schule in Versailles gelernt hat und dadurch mit den Finessen der höchsten Reitkunst bestens vertraut war, hat er sich davon gelöst und ein neues, an das Englische Vollblut angepasstes System entwickelt. Dieses Ausbildungssystem war einfach und für JEDERMANN nachvollziehbar, somit für die Kavallerie zweckmäßiger. Es unterschied sich übrigens nicht allzu sehr von einem anderen, bekannten und weit verbreiteten Reitsystem: kräftige Beine treiben das Pferd gegen die kräftig aushaltende Arme und wer bremst hat verloren. Fertig ist das Reitpferd…

d'Aure

Antoine-Henri-Philippe-Leon Vicomte d’Aure bei einem Jagdasuflug.
Wirklich interessant finde ich den gesturzten Reiter im Hintergrund, der dem Vicomte offensichtlich keine große Sorgen bereitet – gewisse Opfer gehörten zu seinem System dazu. Da war Baucher ganz anders, er hat sich bemüht wirklich JEDEM Individuum zu einer Weiterentwicklung zu verhelfen.  Sein System der perfekten Beherrschung der Pferdekräfte sollte zum Teil auch
dafür die Sorge tragen, dass dem Reiter solches nicht so schnell passiert…

War also Bauchers System doch untauglich?

Die wenigen, die es vermochten, wandten natürlich Bauchers System auch auf die Gebrauchspferde an. Sie erkannten aber auch das oben beschriebene Problem und suchten nach Auswegen. Irgendwann entwickelten sie  eine etwas einfachere Variante, die für Jagd-  und Gebrauchspferde bestimmt war. (Bei Cadmos kommt bald ein neues Buch, in dem man die diesbezüglichen Schriften von de Kerbrech, La Garonne und Rul nachlesen kann.)

de kerbrech, rul

Diese Variante hat eine Riesenkarriere gemacht, die den bis dahin verstorbenen Baucher sicher für alle Niederlagen seines Lebens königlich entschädigt hätte. Wovon so gut wie niemand mehr heute etwas weiß: Sie ist von der US-Cavalry als die offizielle Reitvorschrift übernommen worden. Das geschah nicht einfach so, sondern nach einer sehr langwierigen Abwägung gegen alle anderen Europäischen Systeme. So viel zu Alltagstauglichkeit.

Nach der  Auflösung der Kavallerie in den USA haben die Instrukteure die Zivilisten unterrichtet und damit die Baucheristischen Ideen in ganz Amerika verbreitet. Auch wenn die heutigen Westernreiter ihre Wurzeln lieber bei den Spanischen Vaqueros suchen: wenn man die Baucheristische Gebrauchsvariante kennt, findet man ihre Spuren nicht nur in der Arbeit von vielen Westerntrainer, sondern interessanterweise auch bei Pionieren des Horemanships, wie Tom Dorrance (Lehrer von Ray Hunt).

Tom Dorrance

Tom Dorrance

Einer der Toms Brüder (Fred, so weit ich es mich erinnern kann) kam in Kontakt mit den Lehren von Fort Riley (der letzten Kavallerieschüle Amerikas) und hat das gelernte der Familie zur Verfügung gestellt. Ob auch Tom das Wissen seines Brüders integriert hat kann man sicher streiten. Mehr als Spaß habe ich hier die wichtigsten Prinzipien des Dorrance-Horsemanships (True Unity) (von Milly Hunt Porter zusammen getragen und frei von mir übersetzt) den ursprünglichen Aussagen Bauchers gegenüber gestellt:

  1. Das Pferd muss lernen von alleine zu arbeiten (Baucher: „Gib ihm das Gefühl er ist sein eigener Meister“)
  2. Das Pferd muss lernen für jede Bewegung die entsprechende Haltung anzunehmen (Baucher: „Position vor Bewegung“)
  3. Arbeite anfangs sehr langsam, dann gehst Du schneller voran (Baucher sagt das gleiche an sehr vielen Stellen, bedenke auch sein Prinzip des Decomposers.)
  4. Das Pferd muss total locker sein um sich frei zu bewegen (Baucher: „Verspannungen und Steifheit als Ursachen aller reiterlichen Probleme“)
  5. Wenn das Pferd die Bewegung ohne die richtige Balance angefangen hat, macht es keinen Sinn fortzufahren. (Baucher: „Wenn Lègéretè verloren geht hat alles andere keinen Wert!“)
  6. Alle Probleme, die sich im Schritt und Schritt-Übergängen zeigen, werden in allen drei Gangarten sichtbar sein. (Baucher: „Schritt ist die Mutter aller Gangarten!“)

Ob das alles nur ein Zufall ist?…

baucher stars and stripes

In diesem Sinne! 🙂

Tomek

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Reitkurs auf der Anlage des Reitvereins Algershofen (bei Munderkingen / nähe Ulm)

Teilnahme noch möglich – bei Interesse bitte kontaktieren:
Frau Angela Schacher, Tel.: 0173 30 60 610

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